ERP und Software-as-a-Service? Das geht doch gar nicht! – Gespräch mit Thomas Rosenstiel, Plex Systems

Noch immer senken einige Marktbeobachter und IT-Experten den Daumen, wenn es um die Frage geht: “wird sich Software-as-a-Service auch im ERP-Bereich durchsetzen?” Zu komplex, zu wenig standardisierbar, zu unsicher, lauten die häufigsten Vorbehalte gegen ERP-as-a-Service. Doch immer mehr ERP-Anbieter, allen voran SAP mit seiner Business ByDesign-Lösung, drängen auch in das Cloud Computing-Modell. Ein Unternehmen, das seine ERP-Lösung von Anfang an ausschließlich aus der Wolke anbot, ist die amerikanische Firma Plex Systems. Mit dem Director Europe des Unternehmens, Thomas Rosenstiel, unterhielten wir uns über ERP-as-a-Service im allgemeinen und seine ERP-Lösung um speziellen.


Frage: Plex Systems ist ein amerikanisches Unternehmen und seit 2010 auch in Deutschland vertreten. Stellen Sie uns Ihr Unternehmen doch bitte kurz vor.

Rosenstiel: Das Unternehmen wurde 1995 in Auburn Hills, Michigan gegründet. Seit dem Jahr 2000 entwickeln und vertreiben wir Plex Online, die weltweit wohl führende Cloud-ERP- Lösung für Produktionsunternehmen. Plex Systems ist ein reines Cloud Unternehmen, wir vertreiben keine On-premise Lösung. Plex Online ist von Beginn an und konsequent als On-demand Lösung konzipiert.
Über 600 produzierende Unternehmen nutzen unsere SaaS-Lösung aktuell weltweit. Circa 50 neue Anwender kommen jedes Jahr dazu. Unsere Kundenbasis reicht von sehr kleinen Unternehmen bis hin zu solchen mit mehreren Milliarden Umsatz, die Plex Online als führendes System ihrer Geschäftsprozesse weltweit einsetzen.
Die Ursprünge des Systems liegen im Qualitätsmanagement und MES (Manufacturing Execution System). Entsprechend ist unser Branchenfokus auf Segmente gerichtet, in denen Qualität und Prozesseffizienz eine große Rolle spielen: Automotive, metallverarbeitende Industrie, Lebensmittel und Getränke, Medizintechnik sowie Luft- und Raumfahrt.
Mittlerweile enthält Plex Online nicht nur die klassischen ERP-Bereiche sondern auch zahlreiche prozessorientierte Module wie Workflows, CRM, Dokumentenmanagement und Business Intelligence. Insgesamt umfasst Plex Online über 350 Module.

Plex bietet eine SaaS-ERP-Lösung speziell für die Fertigungsindustrie. Wie kam es zu dieser Spezialisierung und was sind die besonderen Herausforderungen in dieser Branche, die Sie mit Ihrer SaaS-Lösung adressieren?

Rosenstiel: 1995 wurden bei den amerikanischen OEMs die ersten QM-Standards eingeführt. Damit verbunden war natürlich, dass diese neuen Daten gesammelt, verarbeitet und dokumentiert werden mussten. Dies war in den Systemen zu dieser Zeit schlicht nicht möglich. So wurde die Idee zu Plex geboren.
Produktionsunternehmen haben vielfältige Herausforderungen. Sie sind stark globalisiert und benötigen durch die Fertigung eine enorme Vielfalt an Funktionen. Die Anforderungen an effiziente Prozesse, Qualität, Dokumentation und Rückverfolgbarkeit sind sehr hoch.

Die Komplexität ist durchgängig. Engineering, Produktion, Qualitätsmanagement, Versand – alle Bereiche sind geprägt von Anforderungen der OEMs. Hinzu kommen natürlich die betriebswirtschaftlichen und rechtlichen Standardanforderungen.

Fertigungsqualität entsteht nicht zuletzt durch effiziente Prozesse und durch die Fähigkeit, Fehler schnell zu erkennen und darauf reagieren zu können. Eine hohe funktionale Integration des Systems und die Unterstützung durch Workflows von der Maschine bis in die Chefetage sind dabei unerlässlich, damit Daten auf allen Ebenen in Echtzeit zur Verfügung stehen.
Die Fertigungsindustrie ist außerdem stark vernetzt. Daten müssen an vielen Stellen ausgetauscht werden, nicht nur über EDI.
Durch die Globalisierung sind lokale, aber auch Konsolidierungsanforderungen allgegenwärtig. Lokalisierung geht dabei weit über Sprachanpassungen hinaus. Es betrifft vielmehr auch die Produktionsstandards auf allen Ebenen.

Wir haben interessante Lösungen auf Basis einer neuen Technologie in einem System miteinander vereint. Zusätzlich bieten wir auch neue Geschäftsmodelle. Wir setzen zum Beispiel benutzerbezogenen Lizenzmodellen neue Alternativen entgegen, welche die für Produktionsunternehmen überlebenswichtige Prozesseffizienz nicht behindern, sondern fördern.

Frage: Viele Marktbeobachter behaupten, ERP und SaaS „ginge überhaupt nicht“. Sie bieten Ihre Lösung ausschließlich im SaaS-Modell an. Es geht also doch?

Rosenstiel: Wir vertreiben unsere Software seit über zehn Jahren ausschließlich in diesem Modell. Einige internationale Kunden mit Umsätzen im Bereich von mehreren Milliarden Euro setzen unsere Software in allen Unternehmensbereichen weltweit ein. Es geht, und zwar sehr gut!

Es sind gesellschaftliche und technische Entwicklungen, die zu SaaS-Modellen geführt haben. Deshalb bin ich überzeugt, dass sie sich durchsetzen werden. Allerdings bricht SaaS mit Modellen und Werten, die sich in den letzten 20 Jahren im IT-Management als richtig gegolten haben.

Die Welt verändert sich und SaaS eröffnet neue Möglichkeiten – die nicht nur im technischen Bereich liegen! Es entstehen auch neue Erfolgs- und Abrechnungsmodelle. Daran hängen Arbeitsplätze, Umsätze, Investitionen und Vieles mehr. Dies führt zunächst zu Unsicherheit, nicht nur was die Datenhaltung angeht.

SaaS muss also Vertrauen aufbauen. Und das tut es. Zu Beginn mehr in peripheren Anwendungen wie CRM, Gehaltsabrechnungen oder stark im privaten Umfeld. Wenn Unternehmen mit SaaS gute Erfahrungen machen, werden sie sich auch an zentrale Kernfunktionen wagen.

Natürlich kann es noch eine Weile dauern bis sich die neuen Erfolgsmodelle, die durch Cloud Computing und SaaS möglich werden, in der Breite durchsetzen. In den USA nähern wir uns bereits dem Tipping Point, an dem SaaS als etabliert bezeichnet werden kann. In Deutschland mag das noch ein bisschen dauern. Aber die Offenheit gegenüber Cloud nimmt stetig zu.

Frage: Als Verantwortlicher für das Europa-Geschäft von Plex verfügen Sie natürlich über sehr gute Vergleichsmöglichkeiten der einzelnen Länder und Märkte. Stimmt die immer wieder geäußerte Meinung, dass Deutschland ein sehr schwieriger Markt für SaaS-Lösungen sei?

Rosenstiel: Jein. Vielleicht haben deutsche Unternehmen ein höheres Sicherheitsbedürfnis als andere. Amerikanische Unternehmen sind vielleicht offener für technische Innovationen. Ich glaube, dass jedes Konzept seine mentalitätsspezifische Zeit braucht. Wenn es gut ist, wird es sich über kurz oder lang etablieren. Richtig ist, dass sich deutsche Mittelständler mit anderen Werten identifizieren. Diese Werte sorgen unter anderem dafür, dass wir eine international sehr starke Fertigungsindustrie haben. Richtig ist auch, dass es nur sehr wenige Angebote gibt, die schon ausgereift genug sind, um die hohen Anforderungen zu erfüllen. Unsere Aufgabe ist es zu vermitteln und zu beweisen, wie gut SaaS sein kann und dass SaaS diese Werte schützen und stärken kann, dann wird sich der Markt in Deutschland schnell weiter öffnen.

Frage: Marktbeobachter tun sich derzeit schwer bei der Beurteilung des deutschen SaaS- und Cloud Computing Marktes. Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung derzeit hier in Deutschland und wie sieht Ihre Prognose aus?

Rosenstiel: Wir spüren, wie das Interesse und die Offenheit für Cloud Computing steigen – in großen wie in kleinen Unternehmen.
Vor einigen Monaten waren negative, vorgefasste Meinungen oder gar strikte Ablehnung oft noch deutlich herauszuhören. Die Tonalität der Gespräche, die wir heute führen hat sich in den letzten Monaten deutlich verändert.

Wir haben mittlerweile eine große Hürde genommen: Man kann das Thema nämlich nicht mehr als Zeitgeisterscheinung abtun. Mittlerweile hat sich eine ausreichende Basis an seriösen und vor allem unabhängigen Informationsquellen und Experten entwickelt. Mitarbeiter können Cloud Computing ihren Vorgesetzten gegenüber nicht mehr ignorieren, sondern müssen eine fachlich fundierte Meinung dazu äußern. Dem Thema wird mittlerweile ganz allgemein Relevanz zugesprochen und das Wort Hype hören wir immer seltener.

Im privaten Umfeld nutzen immer mehr Menschen Cloud Computing und SaaS-Angebote. Das Vertrauen wächst und wird sich auch im Business Umfeld immer schneller entwickeln.

Auch die Partner, die auf uns zukommen, werden immer größer. Selbst große Systemhäuser, die seit Jahren in einem Lösungsumfeld arbeiten merken, dass Sie für die Fragen ihrer Kunden nach Cloud-Angeboten im Fertigungsumfeld keine adäquate Lösung im Portfolio haben. Das heißt, dass offensichtlich die Nachfrage besteht.

Wir haben auch die Sicherheitsdebatte überwunden. Diese war notwendig, um Lösungen zu erörtern. Die Risiken sind heute bekannt, und Lösungen dafür vorhanden. Wer sich heute für SaaS entscheiden möchte, kann auf dieses Lösungsset zurückgreifen.

Die Signale häufen sich aus meiner Sicht, dass SaaS und Cloud Computing auch in Deutschland mit schnellen Schritten mehr Relevanz erlangen.

Ich kann Unternehmen, die heute eine neue Business Software anschaffen wollen, nur empfehlen sich auch Cloud- und SaaS-Anbieter anzusehen.

Vielen Dank für das Gespräch!




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